DER KAISER VON ATLANTIS

Semperoper Dresden – Junge Szene
Premiere: Freitag 19. Februar 2016
Spiel in einem Akt von Viktor Ullmann
In deutscher Sprache

Regie – Christiane Lutz
Bühne – Christian Andre Tabakoff
Kostüme – Natascha Maraval

Sebastian Wartig (Kaiser Overall), Tilmann Rönnebeck (Der Tod)

„Der Kaiser von Atlantis“ ist ein Totentanz. Es ist ein Werk, das weder Schuldzuweisung noch Selbstmitleid in sich trägt, nicht einmal Mitleid – sondern es verhandelt und reflektiert aus dem Blickwinkel seiner Charaktere sehr pragmatisch, kühn und grotesk das Thema „Mensch auf Erden“.
Geschrieben während des Zweiten Weltkrieges im Ghetto Theresienstadt, ist es ein erschütterndes Zeitzeugnis. Und so stellt sich aufgrund seiner wahnwitzigen Entstehungsumstände leicht eine diffuse Betroffenheit ein, die allerdings der klaren Aussage des Werkes nicht gerecht wird. Daher möchte ich versuchen, dorthin zu dringen, wo für mich die tatsächliche Tragik des Stückes liegt.
Denn bezeichnenderweise haben Viktor Ullmann und Peter Kien ihre Oper ein „piel“ genannt. Ein „Spiel in einem Akt“. Das klingt so leicht, so unpathetisch. Und genau das ist die Gratwanderung, die es spannend machen kann: die Leichtigkeit zu behalten, aber den Abgrund nicht zu überspielen. Denn das Tragische dieses Werkes ist, dass es die Anwesenheit des Krieges nicht bedauert. Es nimmt den Krieg, das Töten und Sterben als gegeben an. Es blickt dem Wahnsinn ins Gesicht: Wir befinden uns jenseits der „Stunde Null“, die Erde ist der Schauplatz eines alle Menschen betreffenden Krieges; der Kaiser ist Herrscher über eine zerstörte Welt. Doch er kämpft weiter. Er kämpft, bzw. lässt kämpfen, solange noch ein Mensch auf einen Menschen treffen kann – seinem geheimen Ziel, dem Ende der Menschheit, entgegen.

Viktor Ullmann und Peter Kien haben mit „Der Kaiser von Atlantis“ eine Moritat geschrieben, die in stilistisch sehr unterschiedliche musikalische Nummern unterteilt ist. Es ist kein kongruentes Werk. Wie hätten sie der zerbrochenen Welt auch ein musikalisch einheitliches Gesicht geben sollen. Es ist eine Bestandsaufnahme, ein Abbild der Zeit.
Die Bühne ist ein zunächst undefinierter Ort, eben das „Irgendwo“ des Librettos: An einem Billardtisch spielen Tod und Harlekin Schicksal und besprechen damit den Lauf der Welt. Episoden über das Leben werden verhandelt. So auch die Geschichte der Figur des Kaisers.

Kaiser Overall ist der Herrscher über die Welt. Ihn interessieren weder Religionen noch Rassen. Er will kein Territorium gewinnen, kein Reich und keine Dynastien errichten. Er ist ein sensibler Wahnsinniger, spürt zu viel, ist für die Schlechtigkeit der Welt zu empfänglich und will die Auslöschung allen menschlichen Lebens. Der Kaiser ist ein paradoxer Charakter, ängstlich und gefährlich. Es ist einer, der sich versteigt Gutes zu tun und damit alles zerstört.
Ihm gegenüber stehen die Konzepte von Tod und Harlekin. Der Tod ist ein jahrhundertealter, leidenschaftlicher Krieger. Er hat sich aufgerüstet und versucht mit der einhergehenden, sich beschleunigenden Zeit inflationärem, gewaltsamen Ablebens Schritt zu halten. Doch vom Bedeutungsverlust des Sterbens ist er müde geworden. Harlekin wiederum ist das, was uns Menschen ausmacht. Es ist das Urdrama des Menschen, als einziges Lebewesen im Bewusstsein des drohenden Todes zu stehen – und sich dennoch am Leben freuen zu können. Harlekin ist die Kunst, über das Leben zu lachen.

Viktor Ullmann und Peter Kien ist es gelungen, ein zutiefst humanistisches Stück zu schreiben. Sie heben – und das macht so fassungslos und ist so erschütternd – den Blick über ihr eigenes reales Leid, und es gelingt ihnen, in ihrer größten privaten Tragödie ein allgemein menschliches Werk zu schreiben. Eine menschliche Tragödie. Die menschliche Tragödie.
Sie schaut mit geradem Blick auf den Menschen, auf sein Sehnen, seine Verführbarkeit, seine Schwächen und seine Möglichkeiten. Sie schaut und bildet ab. Und formuliert am Ende nur eine Bitte: Du sollst nicht morden! Misch dich nicht ein in den Kreislauf von Leben und Sterben! Sei ein Mensch!

von Christiane Lutz